Sergiy Esposito

Stand: 14. Juli 2026

Make-or-Buy kippt: Was Sie mit KI selbst bauen statt einkaufen

Jahrzehntelang galt im Mittelstand eine einfache Regel: Software kauft man. Eigenbau ist etwas für Konzerne mit Entwicklungsabteilung. Diese Regel kippt gerade — nicht, weil Eigenbau billiger geworden wäre, sondern weil sich verändert hat, was „bauen" bedeutet.

Sergiy Esposito14. Juli 20264 Min. Lesezeit
Make-or-BuyLokale KIAutomatisierungTool-Strategie

Was sich verschoben hat

Drei Entwicklungen zusammen verändern die Rechnung:

Lokale Modelle sind praxistauglich geworden. Sprachmodelle, die auf eigener Hardware laufen, erledigen heute Aufgaben, für die vor zwei Jahren ein Cloud-Abo nötig war: Texte klassifizieren, Dokumente zusammenfassen, Daten extrahieren, E-Mails vorformulieren. Die Daten verlassen dabei das Haus nicht — für regulierte Branchen oft das entscheidende Argument.

Workflow-Plattformen ersetzen Individualentwicklung. Werkzeuge zur Prozessautomatisierung verbinden Systeme per Konfiguration statt per Programmierung. Ein Ablauf, der früher ein Entwicklungsprojekt war — Eingang prüfen, Daten auslesen, ins Fachsystem übertragen, Bestätigung senden — ist heute ein Workflow, den ein technikaffiner Mitarbeiter in Tagen aufsetzt.

KI selbst senkt die Baukosten. Der Zuschnitt von Prompts, die Konfiguration von Workflows, sogar kleine Skripte: All das entsteht heute im Dialog mit KI-Werkzeugen. Der „Entwickler" für viele interne Werkzeuge ist inzwischen die Kombination aus Fachkraft und KI-Assistent.

Das Ergebnis: Eine wachsende Klasse von Aufgaben, für die früher ein SaaS-Abo die einzige realistische Option war, lässt sich heute intern lösen — kleiner, passgenauer und souveräner als jedes Abo.

Wann Eigenbau gewinnt — und wann nicht

Damit das kein Ideologie-Thema wird, hilft eine nüchterne Einteilung:

Eigenbau gewinnt, wenn die Aufgabe eng zugeschnitten ist, Ihre Daten sensibel sind und der Prozess Ihr Differenzierungsmerkmal berührt. Ein Klassifizierungs-Workflow für Ihre Eingangspost, ein Zusammenfassungs-Assistent für Ihre Aktenstruktur, ein Prüf-Schritt in Ihrem Angebotsprozess: Das kauft man nicht von der Stange, weil es die Stange nicht gibt.

Einkauf gewinnt, wenn die Aufgabe Standard ist, hohe Verfügbarkeit braucht und regulatorische Tiefe hat, die Sie nicht selbst pflegen wollen: Buchhaltung, Lohnabrechnung, Signaturdienste. Hier ist der Anbieter mit hunderten Kunden im Vorteil — er verteilt die Pflegekosten.

Die Grauzone dazwischen ist der interessante Bereich: Aufgaben, die bisher per Abo gelöst wurden, weil es bequem war — nicht, weil es nötig war. Genau hier lohnt die Neuberechnung.

Die drei Fragen vor jedem Tool — egal ob Kauf oder Bau

Bevor ein neues Werkzeug ins Haus kommt, gehören drei Fragen beantwortet. Sie gelten für das schicke SaaS-Abo genauso wie für das Open-Source-Projekt mit europäischem Label:

  1. Wer steht dahinter? Team, Historie, Reife. Ein Werkzeug, das seit einem Jahr existiert, kann großartig sein — aber es trägt ein anderes Risiko als eines mit zehn Jahren Betrieb.
  2. Wer finanziert es? Geschäftsmodell und Investoren bestimmen die Zukunft des Produkts mehr als seine Featureliste. Kostenlos heißt: Sie sind nicht der Kunde.
  3. Wie komme ich wieder raus? Datenexport, offene Formate, dokumentierte Schnittstellen. Die Exit-Option ist das ehrlichste Qualitätsmerkmal eines Anbieters — wer sie erschwert, sagt Ihnen damit etwas.

Beim Eigenbau lauten dieselben Fragen übrigens: Wer pflegt es, wenn der Kollege geht? Was kostet der Betrieb ehrlich gerechnet? Und ist der Bau dokumentiert, oder lebt er im Kopf einer Person? Eigenbau ohne diese Antworten ist kein Souveränitätsgewinn — er ist ein neues Klumpenrisiko.

Die Reihenfolge bleibt entscheidend

Ob bauen oder kaufen — die Frage kommt an zweiter Stelle. An erster steht die Aufgabe: Was machen Sie täglich, was kostet Zeit, wo entstehen Fehler? Erst diese IST-Aufnahme macht die Make-or-Buy-Entscheidung überhaupt bewertbar. Warum diese Reihenfolge so oft verletzt wird und was sie kostet, steht im Beitrag Erst das Doing, dann das Tool.

Die neue Faustregel für die KI-Ära lautet damit nicht „build over buy" und auch nicht umgekehrt. Sie lautet:

Erst die Aufgabe. Dann die Rechnung. Und bei jeder Option: die Exit-Frage.

Häufige Fragen

Warum kippt die Make-or-Buy-Rechnung gerade?

Drei Entwicklungen zusammen: Lokale Sprachmodelle sind praxistauglich geworden (Klassifizieren, Zusammenfassen, Extrahieren auf eigener Hardware), Workflow-Plattformen ersetzen Individualentwicklung per Konfiguration, und KI selbst senkt die Baukosten — der „Entwickler" vieler interner Werkzeuge ist heute die Kombination aus Fachkraft und KI-Assistent.

Wann lohnt sich Eigenbau, wann Einkauf?

Eigenbau gewinnt bei eng zugeschnittenen Aufgaben, sensiblen Daten und Prozessen, die das eigene Differenzierungsmerkmal berühren. Einkauf gewinnt bei Standardaufgaben mit hoher Verfügbarkeit und regulatorischer Tiefe (Buchhaltung, Lohnabrechnung, Signaturdienste). Interessant ist die Grauzone: Aufgaben, die bisher per Abo gelöst wurden, weil es bequem war — nicht, weil es nötig war.

Welche Fragen gehören vor jeden Tool-Kauf?

Drei: Wer steht dahinter (Team, Historie, Reife)? Wer finanziert es (Geschäftsmodell und Investoren bestimmen die Produktzukunft — kostenlos heißt: Sie sind nicht der Kunde)? Und wie komme ich wieder raus (Datenexport, offene Formate, dokumentierte Schnittstellen)? Beim Eigenbau lauten dieselben Fragen: Wer pflegt es, was kostet der Betrieb ehrlich, ist der Bau dokumentiert?

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Sergiy Esposito

IT-Berater & KI-Stratege, Berlin. Schwerpunkt: DSGVO-konforme KI-Implementierung, EU AI Act Compliance und Sovereign AI für Mittelstand und regulierte Branchen.

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