Was sich verschoben hat
Drei Entwicklungen zusammen verändern die Rechnung:
Lokale Modelle sind praxistauglich geworden. Sprachmodelle, die auf eigener Hardware laufen, erledigen heute Aufgaben, für die vor zwei Jahren ein Cloud-Abo nötig war: Texte klassifizieren, Dokumente zusammenfassen, Daten extrahieren, E-Mails vorformulieren. Die Daten verlassen dabei das Haus nicht — für regulierte Branchen oft das entscheidende Argument.
Workflow-Plattformen ersetzen Individualentwicklung. Werkzeuge zur Prozessautomatisierung verbinden Systeme per Konfiguration statt per Programmierung. Ein Ablauf, der früher ein Entwicklungsprojekt war — Eingang prüfen, Daten auslesen, ins Fachsystem übertragen, Bestätigung senden — ist heute ein Workflow, den ein technikaffiner Mitarbeiter in Tagen aufsetzt.
KI selbst senkt die Baukosten. Der Zuschnitt von Prompts, die Konfiguration von Workflows, sogar kleine Skripte: All das entsteht heute im Dialog mit KI-Werkzeugen. Der „Entwickler" für viele interne Werkzeuge ist inzwischen die Kombination aus Fachkraft und KI-Assistent.
Das Ergebnis: Eine wachsende Klasse von Aufgaben, für die früher ein SaaS-Abo die einzige realistische Option war, lässt sich heute intern lösen — kleiner, passgenauer und souveräner als jedes Abo.
Wann Eigenbau gewinnt — und wann nicht
Damit das kein Ideologie-Thema wird, hilft eine nüchterne Einteilung:
Eigenbau gewinnt, wenn die Aufgabe eng zugeschnitten ist, Ihre Daten sensibel sind und der Prozess Ihr Differenzierungsmerkmal berührt. Ein Klassifizierungs-Workflow für Ihre Eingangspost, ein Zusammenfassungs-Assistent für Ihre Aktenstruktur, ein Prüf-Schritt in Ihrem Angebotsprozess: Das kauft man nicht von der Stange, weil es die Stange nicht gibt.
Einkauf gewinnt, wenn die Aufgabe Standard ist, hohe Verfügbarkeit braucht und regulatorische Tiefe hat, die Sie nicht selbst pflegen wollen: Buchhaltung, Lohnabrechnung, Signaturdienste. Hier ist der Anbieter mit hunderten Kunden im Vorteil — er verteilt die Pflegekosten.
Die Grauzone dazwischen ist der interessante Bereich: Aufgaben, die bisher per Abo gelöst wurden, weil es bequem war — nicht, weil es nötig war. Genau hier lohnt die Neuberechnung.
Die drei Fragen vor jedem Tool — egal ob Kauf oder Bau
Bevor ein neues Werkzeug ins Haus kommt, gehören drei Fragen beantwortet. Sie gelten für das schicke SaaS-Abo genauso wie für das Open-Source-Projekt mit europäischem Label:
- Wer steht dahinter? Team, Historie, Reife. Ein Werkzeug, das seit einem Jahr existiert, kann großartig sein — aber es trägt ein anderes Risiko als eines mit zehn Jahren Betrieb.
- Wer finanziert es? Geschäftsmodell und Investoren bestimmen die Zukunft des Produkts mehr als seine Featureliste. Kostenlos heißt: Sie sind nicht der Kunde.
- Wie komme ich wieder raus? Datenexport, offene Formate, dokumentierte Schnittstellen. Die Exit-Option ist das ehrlichste Qualitätsmerkmal eines Anbieters — wer sie erschwert, sagt Ihnen damit etwas.
Beim Eigenbau lauten dieselben Fragen übrigens: Wer pflegt es, wenn der Kollege geht? Was kostet der Betrieb ehrlich gerechnet? Und ist der Bau dokumentiert, oder lebt er im Kopf einer Person? Eigenbau ohne diese Antworten ist kein Souveränitätsgewinn — er ist ein neues Klumpenrisiko.
Die Reihenfolge bleibt entscheidend
Ob bauen oder kaufen — die Frage kommt an zweiter Stelle. An erster steht die Aufgabe: Was machen Sie täglich, was kostet Zeit, wo entstehen Fehler? Erst diese IST-Aufnahme macht die Make-or-Buy-Entscheidung überhaupt bewertbar. Warum diese Reihenfolge so oft verletzt wird und was sie kostet, steht im Beitrag Erst das Doing, dann das Tool.
Die neue Faustregel für die KI-Ära lautet damit nicht „build over buy" und auch nicht umgekehrt. Sie lautet:
Erst die Aufgabe. Dann die Rechnung. Und bei jeder Option: die Exit-Frage.